Pro Arnstadt empfiehlt allen Arnstädtern die Teilnahme an dieser hochinteressanten Buchlesung!
Petra Stähr-Gräbedünkel liest im Rathaussaal aus ihrem ergreifendsten Buch
“Feuerwerk an der Mauer – Wieder ein Fluchtversuch vereitelt – Einschüsse auf Westberliner Gebiet – Senat erhebt schärfste Kritik – Entspannungsgespräche in Gefahr”. Ich sah meiner Vernehmerin dirket in die Augen und fragte ganz ruhig: “Die Tatsache, daß auf mich 90 Schüsse abgegeben wurden, auch auf die Gefahr meines Todes hin, wollen Sie mir also anlasten?”
“Natürlich! Jedem Bürger ist hinlänglich bekannt, daß auf Flüchtlinge geschossen wird – das ist in jedem Land so.”
Ich konnte mir ein bitteres Lachen nicht verkneifen – nun war schon alles egal, und ich sagte sarkastisch: “Ja, in jedem sozialistischen Land, da haben Sie wohl recht.”
Die Gefangennahme, die ersten Verhöre, man schreibt das Jahr 1971. Das 2009 erschienene autobiographische Buch der Arnstädterin Petra Stähr-Gräbedünkel ist nicht ihr Erstlingswerk, aber ihr erstes Werk, in welchem sie die Erlebnisse ihres Mannes Siegfried, den sie in ihrem Buch Peter nennt, ihre Sorgen und die ihrer Familie aufgeschrieben hat, sich frei geschrieben hat. Erlebnisse, auf die sie alle gern verzichtet hätten. Es sind die gemeinsamen Erinnerungen, chronologisch aufgeschrieben, in Kapitel eingeteilt, Sicht- und Denkweisen ihres Mannes und von ihr selbst. Es sind schier unglaubliche Dinge, weil so nicht geplant und vorbereitet, mehr ein trunkener Zufall, ein Irrtum, den die Behörden der DDR aber keinswegs so sahen und den angeblichen Fluchtversuch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Machtmittel gnadenlos ahndeten. Auch nach der Festnahme bewahrte ihr Mann die Würde seiner Person und seine Einstellung zu dem Land DDR, daß er keineswegs liebte. Er kroch nicht zu Kreuze, blieb bei seiner Meinung, nahm die Folgen in Kauf. Seine Familie auch. Neunzig Schüsse werden bei dem angeblichen Fluchtversuch auf ihn abgegeben, ein Fluchtversuch, bei dem ihn wie durch ein Wunder nicht eine Kugel traf. Danach war nichts mehr so wie vor der Faschingsfeier im Herbst 1971. Nach Monaten wird der Prozeß im Februar 1972 eröffnet und endet am 1.Juni mit der Verurteilung wegen “…einfachen Fall von versuchter Republikflucht” mit 22 Monaten Haft. Nach der Revision wurden am 6. Oktober 1972 insgesamt 19 Monate zur Endgültigkeit der Strafe für eine Flucht, die eigentlich keine werden sollte, ausgesprochen. Es ist eine Geschichte von Tausenden, eine, die zwar skuril begann aber mit ebenso vielen Tränen, zerstörten Hoffnungen und Zweifeln endete. Es gleicht einem Wunder, daß nur wenige Wochen später eine Amnestie die Strafe auf weniger als ein Jahr verkürzte. Nach zwölf gestellten Ausreiseanträgen, unzähligen Demütigungen und Diskriminierungen bekommt die Familie die ersehnte und gewünschte “Grüne Karte”. Es ist der 22. Februar 1976 als vier “Staatenlose” die Republik der Arbeiter und Bauern verlassen dürfen.
Petra Stähr-Gräbedünkel schrieb auf 84 Seiten Jahre ihres Lebens auf, gewährte Einblick in ihr Denken und Leiden und reiht sich damit nahtlos ein in hunderte, tausende Fälle gleicher Art, jeder etwas anders und sich doch gleichend. Die einstige Sekretärin, die 1966 aus politischen und persönlichen Gründen ihr Studium der Germanistik und Geschichte / Kunstgeschichte (Lehramt) in Leipzig abbrach, übte danach mehrere Tätigkeiten aus. Im Jahr der Ausreise war sie persönliche Referentin an der Theaterhochschule Leipzig. Nebenbei absolvierte sie erfolgreich eine Ausbildung zur Staatlich geprüften Sekretärin mit Sprachdiplom in der englischen Sprache. 1989 begann sie mit dem Schreiben von Kinderbüchern, schrieb als Lokalberichterstatterin für den „Trierischer Volksfreund“. 1992 begann sie ein zweijähriges Fernstudium an der „Akademie des Schreibens“ in Hamburg und arbeitete an einer dreiteiligen Dokumentation über die Wende, den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung. Erst 2009 wagt sie sich an die Aufarbeitung ihrer schlimmsten Jahre in der einstigen DDR. Das Buch „Neunzig Schüsse an der Mauer“, erschien im Verlag Book on Demand, Norderstedt. Schreiben, Lesen, Malen, Skilaufen, Wandern, Reisen in fremde Länder und Kulturen gehören zu den Lieblingsbeschäftigungen der gebürtigen Arnstädterin, die am Dienstag, 2. November, 19.00 Uhr im Rathaussaal der Stadt Arnstadt bei einer Lesung live zu erleben ist. Die Junge Freiheit schrieb im Juli 2010: “Neunzig Schüsse an der Mauer” von Petra Stähr-Gräbedünkel ist ein autobiographisches Dokument, das die literarische Apotheke gegen Ostalgie sinnvoll erweitert. ” Eine Veranstaltung, die gemeinsam vom “Arnstädter Stadtecho” und der Stadt Arnstadt organisiert wird und zu der alle Interessierten herzlich eingeladen sind. Es wird natürlich kein Eintritt erhoben.